iNTELLiGENT iNVESTiEREN: Spekuliere niemals auf Kredit


Unternehmen nutzen Fremdkapital, der Staat begibt Anleihen, Privatleute finanzieren Möbel, Autos, Häuser über Kredite. Weshalb sollten Anleger nicht auch auf Kredite zurückgreifen, um an der Börse zu spekulieren? Immerhin gibt es speziell zugeschnittene Wertpapierkredite (auch Effekten-Lombard-Kredit genannt), bei denen man zu vergleichsweise attraktiven Zinskonditionen Kredit erhält gegen Verpfändung von Wertpapieren. Also eigentlich doch eine sichere Sache, oder?

Jedenfalls so lange, bis die Aktienkurse zu fallen beginnen. Denn dann sinkt auch der Wert der als Sicherheit hinterlegten Papiere und wenn er unter den des Kreditbetrages fällt, fordert die Bank zum Nachschießen auf (sog. Margin Call). Dann muss man entweder frisches Geld einzahlen, um den Kreditbetrag zu senken, oder Wertpapiere veräußern. Die besondere Gefahr liegt darin, dass die Wertpapiere niemals zu ihrem Nominalwert, also 100%, als Sicherheit akzeptiert werden. Aktien von DAX-Unternehmen sind meist zu 60% beleihbar, ausländische Aktien zu 50%, Optionsscheine und andere Derivate überhaupt nicht. Ist der Kreditbetrag ausgereizt und die Kurse laufen in die falsche Richtung, muss man Wertpapiere glattstellen, nachdem sie bereits erhebliche Kursverluste verzeichnet haben. Die Ansätze des Value Investings sind aber genau andere: in Krisen zukaufen und in Euphorie verkaufen — und dazwischen einfach abwarten.


»Spekuliere niemals auf Kredit. Ich hatte 1924 einen Margin Call und ich schwor mir, niemals wieder auf Kredit zu spekulieren. Das ist einer der entscheidenden Gründe, weshalb ich durch die 1930er Jahre kam.«
(Philip Carret)


Ein weiteres Argument spricht gegen Börsenspekulationen auf Kredit: der Hebeleffekt (auch
Leverage-Effekt). Eigentlich soll ja dadurch, dass man mit zusätzlichem Fremdkapital Aktien kauft, eine noch höhere Rendite dabei herauskommen. Aber Value Investing ist auf mittel- und langfristige Sicht angelegt und nicht auf das Mitnehmen kurzfristiger Kursschwankungen. Wenn man nun für eine Aktie, die man jahrelang im Depot behält, 6,5% Zinsen pro Jahr bezahlen muss, hilft einem selbst eine üppige Dividendenrendite von z.B. 4% nicht weiter, da sich die Dividendenausschüttung ja 1:1 als Kursabschlag auswirkt und man sie auch noch versteuern muss.


»Geliehenes Geld hat keinen Platz im Investoren-Werkzeugkasten. An den Märkten kann jederzeit alles passieren.«
(Warren Buffett)

Warren Buffet, der wohl erfolgreichste Value-Anleger der Welt, kommt in 40 Jahren auf eine durchschnittliche Rendite von knapp 20% pro Jahr — kreditfinanziert startet man selbst also deutlich im Minus. Zusätzlich verliert man durch die Kreditfinanzierung seine Handlungsfreiheit, nämlich die Freiheit, nichts zu tun, Geduld zu haben, sein Geld für sich arbeiten zu lassen. Das Geld arbeitet bei auf kreditfinanzierten Wertpapieren gegen einen, das Chance-Risiko-Verhältnis ist ganz klar negativ.

An dieser Stelle dürfte der Einwand kommen, dass auch Warren Buffett am Anfang seiner Investmentkarriere in seiner Partnership kreditfinanzierte Investments tätigte. Er begrenzte damals die Kredithöhe auf 25% der Anlagesumme (Assets under Management, AuM). Und auch später, als er Berkshire Hathaway übernommen und in seine Investmentfirma umgewandelt hatte, nutzte er Kredite. Allerdings in Form langfristiger Finanzierungen und/oder Anleihen. Er stellt hier allerdings sicher, dass der laufende Cashflow immer ausreicht, die Zinsen und die Tilgungsraten zu bedienen, so dass am Ende der Laufzeit keine Notwendigkeit besteht, auf eine Kreditverlängerung angewiesen zu sein.


»Wir wollen niemals auf das Wohlwollen anderer angewiesen sein,um unsere Verpflichtungen von morgen erfüllen zu können.«
(Warren Buffett)

Philip Carrets Rat, niemals auf Kredit zu spekulieren, richtet sich vor allem an Privatanleger. Diese sollten nicht Haus und Hof als Sicherheiten einsetzen, um mit diesem Geld dann Aktien zu erwerben. Denn falls die Börse crasht, und der Kredit in dieser zeit ausläuft, besteht die Gefahr, am Ende alles zu verlieren. Nicht nur das Geld, nicht nur die Aktien, auch die Kreditsicherheiten. Und das ist es nicht wert, wie Benjamin Graham uns lehrt. Denn zuerst sollte man immer auf die Risiken schauen und erst im Anschluss auf die mögliche Rendite!

Und dennoch, wie immer gibt es eine Ausnahme: ein Wertpapierkredit kann dann sinnvoll sein, wenn man ihn nicht dauerhaft einsetzt, sondern ihn ausschließlich als zusätzliche Liquidität für Einstiegszeiten betrachtet, denn langfristig bringt Liquidität die Rendite! Er verursacht keine Kosten, solange er nicht in Anspruch genommen wird, und kann helfen, bei günstigen Einstiegsgelegenheiten besonders üppig zuzugreifen. Und seine Höhe ist begrenzt durch die Wertpapiere, die für ihn als Sicherheit dienen. Fallen ihre Kurse, fällt ihr Sicherheitswert und damit der maximal mögliche Kreditbetrag. Da es also im schlimmsten Fall zu einer Unterdeckung und damit zu einem Margin Call kommen kann, also zur Aufforderung der Bank, Geld nachzuschießen und/oder Wertpapiere zu verkaufen, sollte man auch einen Wertpapierkredit nur sehr sparsam einsetzen und ihn niemals ausreizen. Auch hier lauern Risiken, über die man sich vollständig im Klaren sein sollte, bevor man sie eingeht!



Source link

Добавить комментарий

Ваш e-mail не будет опубликован. Обязательные поля помечены *